Inflation meritorischer Güter (auch: meritorische Inflation) bezeichnet bei Wolfgang Baumbast die fortschreitende Ausweitung der Kategorie meritorischer Güter: Immer mehr politisch erwünschte Ziele, also „gute Absichten“, werden als Güter eingestuft, deren Bereitstellung der Staat fördern, lenken oder vorschreiben müsse. Jede solche Einstufung setzt eine Kette aus Förderrichtlinien, Antrags- und Nachweisverfahren, Kontrollinstanzen und Folgesubventionen in Gang. Überbürokratisierung ist in dieser Sicht weniger eine Frage schlechter Verfahren als die Folge einer zu großzügigen Zuschreibung von Meritorik.
In der Ökonomie meint die Rede von steigenden Kosten meritorischer Güter meist den Baumol-Effekt: Bildung oder Pflege werden teurer, weil sich ihre Produktivität kaum steigern lässt. Das ist hier nicht gemeint. „Inflation“ bezieht sich auf die Kategorie selbst.
Wird Geld zu großzügig ausgegeben, verliert jede einzelne Einheit an Wert. Mit dem Etikett „meritorisch“ geschieht dasselbe. Musgrave hatte meritorische Güter als schmalen Korridor gedacht, als begründungspflichtige Ausnahme in einer freiheitlichen Ordnung.
Heute ist die Liste explodiert. Wenn alles meritorisch ist, begründet das Etikett nichts mehr. Und trotzdem setzt jede neue Einstufung denselben Apparat in Gang.
Bürokratieabbau beschränkt sich meist darauf, einzelne Verfahrensschritte zu vereinfachen. Das behandelt das Symptom. Die Ursache sitzt eine Ebene höher: bei der Entscheidung, eine gute Absicht überhaupt als meritorisch zu codieren.
Die Bürokratie ist deshalb nicht das Versagen der guten Absicht, sondern ihre logische Folge.
Jedes gute Ziel bringt seine eigene Bürokratie mit. Und die stirbt nie.
Jede meritorische Codierung erzeugt sofort Aushandlungslast: offene Fragen, die nirgends vorentschieden sind und deshalb institutionell verhandelt werden müssen.
Nicht jede meritorische Begründung führt in die Kaskade. Schulpflicht oder Krankenversicherungspflicht sind meritorisch begründet, und doch haben sie keinen Planungsapparat hervorgebracht. Der Unterschied liegt im Instrument.
Dort, wo eine gute Absicht über Subvention und Detailsteuerung umgesetzt wird: über Förderprogramme, die Zwecke definieren, Berechtigte auswählen und Verwendung kontrollieren müssen.
Dort, wo sie über einen klaren Rahmen umgesetzt wird: eine Pflicht, einen Gutschein, einen Mindeststandard. Der Rahmen entscheidet vor, statt im Einzelfall verhandeln zu lassen.
Die Forderung lautet deshalb nicht „meritorisch ist schlecht“, sondern: Meritorik muss knapp vergeben und richtig instrumentiert werden. Mit einer Meritorik-Prüfung vor jedem neuen Förderprogramm, mit Verfallsdaten für Förderrichtlinien, mit Preis statt Plan.
Der Begriff verbindet vier Traditionen: Richard Musgrave, der die meritorischen Güter als Ausnahme einführte. Ludwig von Mises mit der Interventionsspirale. Friedrich August von Hayek mit dem Wissensproblem, das erklärt, warum der Planer nicht weiß, was er wissen müsste. Und die Public-Choice-Theorie von Buchanan und Tullock, die erklärt, warum es sich für Interessengruppen lohnt, ihr Anliegen als meritorisch zu deklarieren.
Neu ist die Verbindung mit der Aushandlungslast: Die meritorische Inflation ist eine ihrer wichtigsten Quellen im öffentlichen Sektor.
Im Band 4 („Mehr Wohlstand für uns alle“) erscheint die meritorische Inflation als einer von fünf Krisenherden des institutionellen Ökosystems. Ausführlich entfaltet wird sie in Band 5 („Die Meritorik-Falle“), einschließlich der Meritorik-Diät als Gegenmittel.
Zitiervorschlag: Baumbast, Wolfgang (2026): Inflation meritorischer Güter. In: Master-Lexikon – Das Begriffsuniversum der kultivierten Individualgesellschaft. Ehingen: X-ness Publishing. Online: https://www.baumbast.de/inflation-meritorischer-gueter.html · Lizenz: CC BY 4.0